Chrompolierer
  Startseite
  Archiv
  Kontakt
  Abonnieren

http://myblog.de/chrompolierer

Gratis bloggen bei
myblog.de





Mein Papa ist tot.

Während ich das tippe, werden meine Hände ganz kalt. Ich habe meinen Papa geliebt und kann nur hoffen, daß er das gewußt hat. Ich habe es ihm nie sagen können, wir waren ja Männer. Und der Mann, der er in den letzten Jahren war, war nicht mehr mein Papa. Ich darf mir keine Vorwürfe machen. Natürlich hätte ich ihn öfter besuchen müssen. Aber der Mann, den ich da erleben mußte, tat mir so in der Seele weh. Ich hätte bei oder nach jedem Besuch weinen müssen. Und er hat mich öfter verletzt seit er nicht mehr ganz bei sich war. Das hat er dann auch zutiefst bedauert, trotzdem war ich nicht in der Lage, ihn öfter zu besuchen und so zu erleben. Ich war schwach, ja, aber ich bin nunmal ein schwacher Mensch, wenn es um Liebe zu anderen Menschen geht.

Mein Papa ist friedlich eingeschlafen. Er wollte, so hat er es zumindest gesagt und auch entsprechendes versucht, schon seit längerer Zeit sterben. Auch damit konnte ich nicht umgehen, auch damit hat er mich verletzt, er hat mir immer wieder gesagt "beim nächsten Mal werde ich nicht mehr da sein":

Papa, ich habe öfter an Dich gedacht als Du vielleicht dachtest. Ich würde Dir das gern sagen, zur Not noch in der Leichenhalle, wo Du jetzt liegst. Ich weiß noch nicht, ob ich das kann. Bis vor gar nicht allzu vielen Jahren warst Du mein Held. Wenn ich je glücklich war, dann bei meinem Papa. Du hast nie meinen Verstand erobert, da wohnt meine Mutter. Aber Du hast mir Dein Herz vererbt. Deinen Idealismus, Deine Träumerei, Deine Schwächen oder kurz gesagt - Deine Menschlichkeit. Menschlich gesehen warst Du immer mein Vorbild, bis Du auf einen Schlag schwach geworden bist, Damit konnte ich nicht umgehen, und ich war Dir böse deswegen. Mein Vorbild war einfach weg, und ich bekam dafür einen grantigen, traurigen, kauzigen, verzweifelten, destruktiven, alten Mann, der mich wegstieß und dann wieder haben wollte und immer so weiter. Verzeih´ mir, daß ich nie einen souveränen Umgang mit dieser Situation gefunden habe. Jetzt denke ich ich habe Dich einfach zu sehr geliebt, um das ertragen zu können. Sicher, ich hätte das mit Dir bereden können. Dann wärst Du zwei oder drei Wochen geschockt gewesen und hättest Tränen geweint und mich um Entschuldigung gebeten. Und wenn ich dann wieder "gut gewesen" wäre, wärst Du wohl wieder so geworden. So warst Du eben in Deinen letzten Jahren.

Du bist mindestens zehn Jahre zu früh gestorben, doch wie gesagt, Dir wurde der schönste mögliche Tod zugestanden, das tröstet mich. Wenn es sowas gibt, dann hat der Himmel Dich dafür belohnt, über 50 Jahre lang fast nur mit dem Herz statt mit dem Kopf gedacht zu haben obwohl es Dein Leben so schwer und aussichtslos gemacht hat. Vielleicht wußtest Du es einfach nicht besser, aber vielleicht wolltest Du es auch einfach so.

Egal wie krank die Person ist - auf den Tod eines Elternteils kann man sich nicht vorbereiten. Wir hatten praktisch keinen Kontakt mehr, seit Jahren nicht. Aber trotzdem wirst Du eine Lücke hinterlassen. Du bist ein sehr, sehr großer Teil von mir, und damit meine ich nicht nur 50 % des Blutes in meinen Adern.

Ich weiß nicht, was ab heute mit mir passieren wird weil Du nicht mehr da bist. Im Moment wechseln sich "das wird schnell wieder gut" und "ich werde noch 1000mal weinen" ab. Eine Sache weiß ich jetzt schon, auch wenn ich noch absolut gar nichts weiter dazu sagen kann: Mein Leben wird nie wieder so sein wie noch heute mittag, das spüre ich. Ich werde sicher wieder so fröhlich sein können wie zuvor an guten Tagen, auch albern und dumm. Aber irgendwas ändert sich in meinem Kopf ab heute, ob ich will oder nicht.

Mein Papa, ich liebe Dich. Wie gesagt, vielleicht konnte ich Dich nicht mehr ertragen weil ich Dich so sehr geliebt habe. Seit ich weiß, daß Du tot bist, ist der "böse, alte Mann" der letzten Jahre aus meinem Kopf verschwunden, und Du bist wieder mein Papa. Ich bin Dein 39 Jahre altes, fast 2 Meter großes 115-KIlo-Kind. Aber trotzdem werde ich immer kleiner als Du sein, egal was ich im Leben noch erreiche.

Ich bin nicht religiös und glaube spätestens seit meinen Vollnarkosen nicht mehr an ein Leben nach dem Tod. Vielleicht irre ich mich. Aber so oder so - Dir geht es jetzt in jedem Fall besser als die letzten Jahre. Und so gut wie früher wäre es Dir jetzt wohl auch nie wieder gegangen. Dein einziger Freund ist vor nicht allzu langer Zeit gestorben. Vielleicht sitzt ihr beide jetzt zusammen in einer Gondel und schippert durch die himmlische Ausgabe von Venedig oder durch die Grachten im Amsterdam des Himmels und trinkt ein lecker Bier auf das Wiedersehen und die Unendlichkeit.

Es ist Zeit für mich, nach all den Jahren, in denen ich erwachsener als Du sein wollte und oft auch mußte, meinen Egoismus aufzugeben und endlich wieder meinen Papa in Dir zu sehen, der nun wieder schmerzfrei und sorgenfrei sein Ding machen kann, So oder so. Du, lieber Gerhard, Du bist auf jeden Fall im Paradies wenn es sowas gibt,

Wahrscheinlich wird es mich noch viele Tränen kosten, daß Du nicht mehr da bist. Aber ich werde versuchen, daran zu denken, daß Du jetzt frei bist. Und na ja, vielleicht war das das einzige, was Du immer sein wolltest - frei.

Ich hoffe Du wirst der erste Mensch in meinem Leben, an den ich mit einem Lächeln zurückdenken kann obwohl er mich verlassen hat. Gleich gehe ich in mein Bett und werde beten. Beten, daß Du wieder laut und lustig sein kannst, da oben verrückte Geschichten erzählst und alle dummdreisten Idioten die Leviten liest. Na ja, hoffentlich gibt´s da oben keine, und Du kannst den ganzen Tag am Strand von Marielyst spazierengehen. Vielleicht auch mit Barbara, im Paradies werden schließlich Träume wahr.

Ob ich Dir im Nachhinein noch Enkel schenken kann, weiß ich nicht. Läuft nicht so gut, wie Du weißt. Ich hätte sie Dir aber auf jeden Fall gern vorgestellt falls es noch dazu kommt. Sie hätten Dich gemocht, das weiß ich.

Also dann, ab an die Theke mit Dir und ein Bier geholt. Ich mache hier noch schätzungsweise 50 Jahre wenn nichts dazwischenkommt, aber dann sehen wir uns wieder und gehen in´s Marché. Kannst ja schonmal anfangen zu sparen. Oder gibt´s da oben alles gratis?

Ich kann jetzt nicht die ganze Nacht weiterschreiben, also... Bitte sei Dir gewiß, daß ich Dich immer geliebt habe und auch kapiert habe, daß Du mich geliebt hast und stolz auf mich warst, vielleicht mehr als alles andere. Darüber hätte ich gern nochmal mit Dir geredet, aber ich denke Du hättest es nicht mehr verstanden.

Gute Nacht mein Papa.
14.12.10 23:18
 


Werbung


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)



 Smileys einfügen



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung